#56


Zeit, wir sollten mal mehr von Dir miteinander verbingen. Du bist immer so schnell weg. Zeitgefühlsmäßig bin ich noch im Mai. Das ist erstens falsch und zweitens besorgniserregend; sowas kann doch nicht gesund sein. Nicht, dass ich so unfaßbar viel zu tun gehabt hätte dass die Zeit nur so an mir vorbeigesaust wäre, nein, sie vergeht einfach unverschämt schnell, ob ich was in ihr mache oder nicht. Sowas nährt den Gedanken, man könne doch am Ende jedes Tages kurz notieren, was man so getan hat. Auch potentiell albern, weil entweder sehr deprimierend, Gedächtnislücken aufzeigend oder dazu prädestiniert, wie all die anderen Dinge, die ich mir vornehme regelmäßig zu machen, dreimal gemacht und dann auf ewig vergessen zu werden.
Heute mit Katinka über den Leipziger Südfriedhof gelaufen. Jener ist, falls man es nicht weiß, ein Parkfriedhof. Kann Spuren von Eichhörnchen enthalten und ist außerdem angenehmer als so ein Standardfriedhof, weil man immer nur ca. 20 Gräber auf einmal sieht. Überall stehen eichbehörnte Bäume (jaja), alles ist verwinkelt, unordentlich und überraschend nett. Dazwischen steht ein ausgesprochen schönes Krematorium, eine Feststellung, die man auch nicht oft im Leben macht. “Du, ich hab heute ein echt schönes Krematorium gesehen.” Nein, kam noch nicht vor.
Gräber gibt es auch, verschiedester Art. Urnengräber, normale Gräber, Krypten, Familiengräber, Monumentgräber und Werbegräber. Auch die. Man muss ja die trauernden Verwandten über ihre eigenen Endlagerungsmöglichkeiten aufklären. Deswegen am Wegesrand: eine Reihe leerer Gräber, mit leeren Grabsteinen, opulent bepflanzt, davor kleine weiße Schilder mit Kontaktdaten des Steinmetzes und des Grabschmückers, dazu noch Steinsorte und eine Liste der lateinischen Namen der verwendeten Planzen. Trotz großer Auswahl mussten wir leider feststellen: alle häßlich. Muss man nicht drunterliegen.
Außerdem: Monumentgräber. Bin mir nicht sicher, ob die so heißen, sie sind es jedenfalls. Da liegen dann ganze Generationen, und neben allen Männern steht ihr Beruf. Neben den Frauen steht nichts. So war das wohl früher. Höhepunkt der Männerzentriertheit: ein Familiengrab mit der Aufschrift “Familie Curt Irgendwas”. Da weiß man nicht mal, wieviele da liegen. Diese Berufslisten sind aber recht spannend. Eine Familie bestand nur aus Buchhändlern und Marineoffizieren, über Generationen hinweg. Macht man heute auch nicht mehr.
Wo ich eigentlich mit dieser ganzen Sache hinwill ist hier: die Kokosinseln. Dort nämlich starb einer der Menschen, deren Grabstein wir heute durchlasen. “Arzt der Emden” stand unter dem Namen, was kurz für Verwirrung sorgte, “aus” dürfte doch wesentlich angebrachter sein, oder wenigstens “der Emdener”. Aber da stand ja noch ein Anker neben dem Grab, und als Todesort wurden eben jene Inseln angegeben, da lag es nahe zu vermuten, dass die Emden ein Schiff sei.
Also nach Hause, Wikipedia bemüht, fasziniert gewesen, wieder was gelernt, diesmal über Kolonialkriege. Was letztlich davon bleiben wird ist das wirklich vollkommen unnütze Wissen davon, dass ein Matrose einer anderen “Emden” von einem Löwen gefressen wurde. Und die Todesursache des Arztes? Australier.
Mein Kopf ist voll mit solchem Kram. Vielleicht, und hier kommt das sehnlichst erwartete rekursive Element, habe ich in den letzten Monaten einfach zuviel bei Wikipedia herumgestöbert. Es macht schon ziemlich süchtig, zumindest kurzfristig. Nur noch ein Link. Och, bitte.

Wahnsinniger Hagelsturm gestern Abend in Leipzig. 15 Minuten unglaublicher Lärm und kompletter Stillstand im öffentlichen Leben. Danach: hunderte kaputte Autoscheiben (darunter auch meine Windschutzscheibe), abgedeckte Dächer, zerfledderte Bäume (die Karli war teilweise ganz mit Blättern und Ästen bedeckt) und erschlagene Vögel. Und plötzlich, wie nach einem Atomkrieg, krochen alle Anwohner staunend aus ihren Häusern, telefonierten, fotografierten und streichelten ihre verbeulten Autos. Aus der Ferne sangen die Glaser und Lackierer Freudenlieder.
SpOn hat auch noch eine kurze Meldung dazu. Und ich hab noch mehr Bilder.
Juhu, ganz viel seltsamer Kram in letzter Zeit. Neulich durch den Edeka um die Ecke gehetzt, um zur Feier eines erfolgreichen Umzuges Bauarbeitermarmelade aka. Mett zu kaufen, als mir etwas sonderbares auffiel: an einem der Regale hing eine lange, feingliedrige Kette, an deren Ende eine Lupe befestigt war. Vielleicht ein Produktbeispiel, eine Lupe zum Testen, damit man nicht die Katze im Sack kauft, aber nein, tatsächlich hingen an allen Regalen solche Lupen. Man möchte wohl den Kurzsichtigen bei dem Studieren der Produktbeschriftungen behilflich sein. Leider wohl vergeblich, da die Lupen so weit unten hängen daß man sie selbst als normalsichtiger Mensch normalerweise übersieht.
Sehr lobenswert: auf der Seite des Bundestages werden Petitionen gehostet, die man selber vorschlagen und unterstützen kann. Regierung 2.0? Wahrscheinlich eher nicht, aber schaden tut es bestimmt nicht. Aktuell interessant: diese Petition, der es um eine vernünftige Vergütung für die Leistungen von Hochschulabsolventen in bildungsrelevanten Praktika geht:
Der Deutsche Bundestag möge beschließen, dass Praktika von Hochschulabsolventen, die länger als drei Monate dauern und in dem Berufsbild abgeleistet werden, für das der Hochschulabsolvent ausgebildet wurde, in ein reguläres Arbeitsverhältnis umgewandelt werden.
Begründung:
Unzählige hochqualifizierte Menschen arbeiten ohne Entlohnung oder gegen einen Lohn, der unter dem Existenzminimum liegt. Solche so genannten Praktika dienen nicht der Aus- oder Weiterbildung.
Kann man sich ja mal beteiligen, finde ich.
Abgesehen davon war ich zuerst in Zürich, dann im Stress, und jetzt krank, deswegen passiert hier nicht viel. Zur Entschädigung hier jetzt aber mal ganz viel Zürich: 5215×739 px, 1157.2 KB, ca 180° Sichtfeld. Bitteschön. Ein Text über Zürich liegt auch noch halbfertig auf meiner Platte rum, der kommt dann auch bald.