#22

I have seen The Light

Saturday, 08. October 2005 - 13:39 Uhr In Medien | 4 Reaktionen

Wie toll ist das denn bitte? In einigen Monaten kommt Joss Whedons “Serenity” in die Kinos, ein Film, der auf seiner wundervollen Fernsehserie “Firefly” basiert. Die Geschichte um Firefly ist lang und tragisch, wichtig ist nur, daß die Serie in den USA ohne Pilotfilm, unvollständig und in der falschen Reihenfolge gesendet wurde, weil FOX die Inhalte zu unorthodox und kritisch waren. Die DVD-Verkäufe waren allerdings so gut, daß Whedon trotzdem noch einen Kinofilm daraus machen durfte.

Worum geht es? “Serenity” ist ein Sci-Fi-Film um die Besatzung eines kleinen Raumfrachters (der “Firefly”), die sich mit Gelegenheitsjobs und dem ein oder anderen Verbrechen über Wasser hält und unerwarteterweise in Probleme enormen Ausmaßes gerät. So weit, so Standardkost. Aber es gibt viel, was für die Serie spricht: unglaublicher Wortwitz, ambivalente Charaktere, gute Effekte, einfach wirklich gute Geschichten und großartig trockener Humor. Die einzelnen Crewmitglieder sind wunderbar gegensätzlich, menschlich und trotz des abgefahrenen Settings glaubwürdig und auf Dauer interessant. Beeindruckend ist auch die Liebe zum Detail: die Menschheit spricht in dieser Zukunft eine Mischung aus Englisch und Chinesisch, und die Schauspieler ziehen das auch konsequent durch, auch wenn man sich als Nichtchinese einige Passagen dann aus dem Kontext erschließen muss. Die Kultur der zukünftigen Menschheit ist ein spannendes Phantasiegebilde: auf den zivilisierteren Planeten eine Mischung aus britischer Kolonialkultur und klassischem China, auf den periphären Planeten amerikanisches Frontier-Setting mit chinesischen Einflüssen. Hach, ich könnte stundenlang schwärmen. Im Übrigen bin ich kein Whedon-Fan, Buffy bekommt mir gar nicht, Firefly hingegen sehr. Davon muss man sich also nicht abschrecken lassen.

Warum jetzt das Ganze? Wie gesagt, der Film kommt bald. Und um den Filmstart zu bewerben, werden die ersten 9 Minuten des Filmes im Netz angeboten (Zertifikat muss angenommen werden). Streamend, im Vollbild. Im Vollbild. Hallo? Und das bei minimaler Vorladezeit. Da war ich zugegebenermaßen baff. Ich dachte Apples Trailerseite wäre toll, aber das hier ist ja beinahe revolutionär. Ich möchte nur noch einen kleinen Schritt weiter: per PayPal 5$ zahlen und den ganzen Film per Stream ansehen können, oder für 15-20$ in höherer Qualität runterladen. Ich wäre dabei. Aber die MPAA macht da bestimmt nicht mit.

#21

Sie haben uns.

Saturday, 24. September 2005 - 14:30 Uhr In Alltag und Wahnsinn, Erklärbär, Medien | Comments Off

Hier stand vor kurzem noch ein Text über Äußerungen von Pat Robertson, von wegen Katrina sei Gottes Strafe dafür, daß die lesbische Ellen Degeneres die Emmies moderieren dürfe. War, wie sich im Nachhinein herausgestellt hat, eine Satire, auf die aber hunderte, wenn nicht tausende Blogger aufgesprungen sind und sich wie auch ich herrlich darüber echauffiert haben.

Wieder was von traditionellen Journalismus gelernt: Quellen prüfen.

Interessant ist aber, daß die schon recht abgefahrenen falschen Äußerungen der Satire trotzdem plausibel genug waren, um von Robertson gewesen zu sein. Wenn die extreme Überspitzung einer Satire völlig normal erscheint, sollte man sich als Betroffener glaube ich Sorgen machen.

Hier die Satire
Und hier die Erklärung von Snopes

Bleibt nur noch, auf die hervorragende Doku Why we Fight hinzuweisen, die gestern Nacht im WDR lief. Höchst sehenswert, falls das mal wieder irgendwo wiederholt wird, unbedingt ansehen. Voller tiefgründiger Einsichten in die Mechanismen der neokonservativen Regierung unter Bush und dem wahrgewordenen Albtraum Eisenhowers. Der Film hat auch einen Preis beim diesjährigen Sundance bekommen. Vielleicht bin ich nächstes mal schneller und kündige das seltene Phänomen einer sehenswerten Fernsehsendung an, bevor sie gesendet wird, das würde vielleicht mehr bringen.

#13

Red Nose Elend

Saturday, 12. March 2005 - 18:25 Uhr In Medien | 5 Reaktionen

Oha, wieder ein beedruckendes Testament der Primitivität und des generellen Elends im Fernsehen gestern. Red Nose Day. Eine Benefizgala, an sich ja nicht schlecht sowas, ein importiertes Format zwar, aber das scheint ja unumgänglich inzwischen. Importierte Formate haben einen riesigen Vorteil für hiesige Fernsehsender: sie kaufen nur ein Sendungskonzept, in diesem Fall den Red Nose Day, bemannen dieses dann mit der an den Sender vertraglich gefesselten F-Prominenz und der unvermeidbaren Sendereigenen Comedianlegion, woraufhin das Elend dann seinen Lauf nehmen kann.

Es entstehen also Medienevents. Völlig synthetische Ereignisse, die eigentlich kein Mensch braucht und die allenfalls mäßig unterhaltsam sind, in der Vorlaufzeit aber so intensiv beworben, beteasert und betrailert werden, daß suggeriert wird, das Verpassen dieses Ereignisses sei eine unvorstellbare Ignoranz gegenüber eines ganz großen Programmhighlights. Pro 7 zeichnet sich durch besonders perfides Generieren von Medienevents aus, was nicht zuletzt an Stefan Raab liegt: man denke an die TV-Total Wok WM I, II und III, an TV-Total Turmspringen, TV-Total Springreiten, den TV-Total Song contest und vermutlich noch einige andere. Daneben noch stundenlanges Langweilen bei RTLs Domino Day et al. Und jeder dieser Events produziert sendbares Material en masse: nich nur die Sendung selbst, sondern auch eben diverse Trailer, Teaser, Cross-Promotion Aktionen mit anderen Sendungen (besonders dem Boulevard), Vorberichterstattungen, Nachberichterstattungen sowie die weitere Verwurstung des Materials in Nachrichten-, Frühstücks- und Boulevardsendungen. Man hält sich an die alte Fernsehjournalistenweisheit: “Tell them what you are going to tell them, tell them, and then tell them what you’ve just told them.” Womit sich die Schnittpunkte zwischen Privatfernsehen und Journalismus auch schon erschöpft haben dürften. Aus der Cross-Promotion, also dem Bewerben einer Sendung innerhalb einer anderen, ergeben sich weitere Vorteile: waren früher Boulevard- und Nachrichtenshows wie ein Fenster zur Welt, so zeigen sie heute immer mehr nur das Geschehen innerhalb der Senderfamilie: was hat dieser Soapdasteller am Wochenende gemacht, wer hat sich in welcher Talkshow danebenbenommen, wer ist bei der Pro 7-Gala in einem geschmacklosen Kleid aufgetaucht, wer hat bei der Castingshow versagt, was ist heute im jeweiligen Internierungslager (z.B. Dschungelcamp) los usw. usf. Geradezu inzestuöse Selbstreferenzierung allerorten, die gestern Abend in kaum erträglicher Demenz und Armseligkeit gipfelte.

Red Nose Day also. Während bei der Parallelveranstaltung in England David Bowie und U2 das Studio rockten, versuchten sich die G-Klasse Comedians von Pro 7 an einer Verquickung von den Simpsons und der an sich schon eher verpassenswerten Improshow Schillerstraße, was in einer bemitleidenswert unlustigen Darbietung endete, die gerechterweise auch kaum mit Gelächter oder Applaus bedacht wurde. Wer die vierstündige Sendung durchhielt, bekam zur Strafe neben vier verschwendeten, quälend langweiligen Stunden auch noch Sonya [sic] Kraus’ Brüste zu sehen, als ranziges Sahnehäubchen eines desolaten Fernsehabends.

Anfangs versuchte man noch, die Zuschauer mit Humor zu vom Umschalten abzuhalten, was wohl fehlschlug, und zur Entblößung von Oliver Pochers Gesäß führte. Als auch das nur kurzfristig Linderung verschaffte, fing wohl irgendwer in der Regie an, “Titten! Wir brauchen Titten!” in die Headsets der Verantwortlichen zu brüllen, denn man weiß ja, mit nackten Frauen kann man über so manch konzeptionelles und inhaltliches Defizit vorzüglich hinwegtäuschen. Sonya, sich für kaum etwas zu schade, tat es natürlich für die notleidenden Kinder, für die ja nebenher noch gesammelt wurde, und das war es wohl, was die Sendung vor dem Quotengau rettete: nicht die Brüste, die Rippen. Der hungernden Kinder. Während man in England über Unterhaltung zu Spendengeldern kommt, kommt man in Deutschland mit dem schlechten Gewissen der Zuschauer zur Quote. Es war ja für einen guten Zweck. Na dann.

Das Abmeldeformular für die GEZ fülle ich dann gleich nach dem Abendessen aus. Mich kriegt ihr nicht.