Huch. Draußen vor meiner Tür steht einer der größten mobilen Kräne der Welt, ein (ich hab mich nicht ausreichend informiert) LTM 1500-8.1. LTM 1400 7.1. Ein 500 400 Tonnen-Kran mit einer Hubhöhe von 145m (145m!). Was der da macht? Einen anderen Kran zusammenbauen. Der macht dann irgendwas mit dem Kirchturm, neben dem er steht. Vermutlich zerlegen. Dann läutet das Mistding wenigstens nicht mehr. Kirchenglocken an sich stören mich ja eher nicht, es mutet irgendwie schön archaisch an, kann man ruhig mal machen. Diese besondere Kirche allerdings läutet, wenn sie läutet, 5 Minuten am Stück. 300 Sekunden. Die meisten Lieder im Radio werden nach spätestens 3:30 ausgeblendet weil sie dann nerven oder langweilig werden. Und die spielen nicht nur Glockenläuten. Nach ungefähr 2:30 ist man meistens schon völlig am Ende mit den Nerven, da mann während des Läutens keine anderen Tätigkeiten weiterführen kann, es ist schlicht zu laut. Man wartet und wartet und der Lärm hört einfach nicht auf. Naja. Inzwischen höre ich es die Hälfte der Zeit nicht mehr, sofern die Fenster zu sind. Um 12:00 und 18:00 kann man ja oft noch rechtzeitig durchs Zimmer hechten und die Fenster zuwerfen, um den ärgsten Lärm abzuhalten, aber morgens, ja, morgens. Bedauerlicherweise glockt dieses Gotteshaus zu ganz und gar unchristlichen Zeiten, z.B. jeden morgen um 7:30, nicht nur an Werktagen, sondern immer. Samstag und Sonntags läuft der in meiner glockengeschändeten Phantasie verantwortliche bucklige Glöckner sogar völlig amok und läutet zwischen 7:30 und 12:00 drei bis vier mal. Leider ist besagter Glöckner wohl nur eine Zeitmechanik und deswegen weiß sie nicht, daß Samstags in dieser Kirche morgens keine Veranstaltungen stattfinden, für die man mit Geläut werben könnte. Das Läuten erfüllt somit keinen anderen Zweck als die umliegenden Anwohner unsaft aus dem Schlaf zu hämmern.
Ich habe also eine eher schlechte Meinung von diesem Gebäude. Neulich aber lungerten (das wollte ich schon immer mal in einem protokollartigen Text verwenden, Spießigkeit deluxe) morgens drei wirklich beeindruckend betrunkene Menschen vor dieser Kirche herum und erbrachen ihr in großen Mengen eingenommenes Vodka-Vita Cola-Gemisch wiederholt über die Sandsteinstufen des Hauptportals. Das fand ich dann wieder blöd. Ich finde, wer nervt, verdient einiges, aber vollkotzen ist einfach fies. Jedenfalls ging ich dann irgendwann um 11:00 los, um irgendetwas zu erledigen, vermutlich Essen kaufen oder etwas ähnliches, und da lehnte einer der drei unten vor dem Haus an einem weißen Kleinwagen, der zweifelsohne nicht ihm gehörte. Er lehnte da und schlief. Im stehen. Als ich um eins wieder zurückkam, stand er da immer noch, wie in Stein gemeißelt, völlig unbeweglich, und schlief nach wie vor. Direkt vor ihm kreuzten Passanten, auf der anderen Seite des Kleinwagens donnerten Autos über das Kopfsteinpflaster, aber der junge Mann blieb unbeweglich. Einen Moment lang fragte ich mich, ob es möglich ist, im Stehen zu sterben, ohne umzufallen. Instant rigor mortis quasi. Vermutlich nicht. Jedenfalls schaute ich danach immer mal wieder aus dem Fenster um zu gucken, ob er noch da ist, wie man immer mal wieder rausgucken würde, wenn sich irgendwelche scheuen, niedlichen Tiere in den Garten verirren, und man sie nicht verscheuchen möchte. Nehme ich an. Ich hatte nie einen Garten in den sich niedliche Tiere hätten verirren können. Jedenfalls stand der Stehschläfer noch bis etwa halb drei da. Dann war er plötzlich weg. Und mit ihm ein Teil von mir.
Nein, natürlich nicht. Das sagen die nur in Filmen immer am Ende, wenn jemand geht.
Abgesehen davon: meine erste Abschlussprüfung liegt hinter mir. Amerikanistik, Kulturgeschichte, und ich kann mich gar nicht wirklich über die außerordentlich gute Note freuen, weil ich die Hochschulrankings gesehen habe und nun weiß, daß das Leipziger Amerikanistikinstitut ziemlich, nun ja, armselig sein soll. Hoffentlich liest das niemand von denen da, ich hab noch eine Prüfung nächste Woche. Irgendwie war es auch nicht so wirklich schwierig. Vielleicht stellen sich aber die anderen auch nur etwas ungeschickt an. Ich hatte vor der Prüfung etwas Zeit, mit der Beistitzerin zu plaudern, und sie fragte, ob ich zufällig auch den New Deal als Thema hätte, das hätten schon fünf Leute gemacht. Sowas verstehe ich nicht. Das ist eines der offensichtlichsten, banalsten Themen die man als Amerikanist nehmen kann, eines, das die Prüfer im schlaf beherrschen und von dem sie zu allem Überfluß vermutlich schon seit Jahren genervt sind. Ach, keine Ahnung, jetzt kann es mir ja sowieso egal sein.
Nächsten Donnerstag Literaturprüfung. Drückt mir die Daumen.
Let us go then, you and I,
When the evening is spread out against the sky
Like a patient etherised upon a table;
Let us go, through certain half-deserted streets,
The muttering retreats
Of restless nights in one-night cheap hotels
And sawdust restaurants with oyster-shells:
Streets that follow like a tedious argument
Of insidious intent
To lead you to an overwhelming question…
Oh, do not ask, ‘ What is it? ‘
Let us go and make our visit.
t.s. eliot - the love song of j. alfred prufrock
Ach, darüber habe ich gerade sehr sehr lachen müssen.