#27

Hier ist nichts mehr

Wednesday, 04. January 2006 - 19:58 Uhr In Alltag und Wahnsinn, Erklärbär | 6 Reaktionen

Ich bin ja durchaus ein Fan der Postapokalypse als Kontext popkultureller und sonstiger Unterhaltung. Mich fasziniert es, wenn es um Gesellschaften geht, die nicht mehr selber produzieren können, sondern nur noch verbrauchen, was von vor der Katastrophe übrig ist. Feine Prämisse, denke ich immer wieder. Selbstredend natürlich auch sehr unpraktisch, leben würde ich in sowas eher ungern. Auf eine sehr spezifische Art und Weise mache ich aber etwas ziemlich Ähnliches. (more…)

#21

Sie haben uns.

Saturday, 24. September 2005 - 14:30 Uhr In Alltag und Wahnsinn, Erklärbär, Medien | Comments Off

Hier stand vor kurzem noch ein Text über Äußerungen von Pat Robertson, von wegen Katrina sei Gottes Strafe dafür, daß die lesbische Ellen Degeneres die Emmies moderieren dürfe. War, wie sich im Nachhinein herausgestellt hat, eine Satire, auf die aber hunderte, wenn nicht tausende Blogger aufgesprungen sind und sich wie auch ich herrlich darüber echauffiert haben.

Wieder was von traditionellen Journalismus gelernt: Quellen prüfen.

Interessant ist aber, daß die schon recht abgefahrenen falschen Äußerungen der Satire trotzdem plausibel genug waren, um von Robertson gewesen zu sein. Wenn die extreme Überspitzung einer Satire völlig normal erscheint, sollte man sich als Betroffener glaube ich Sorgen machen.

Hier die Satire
Und hier die Erklärung von Snopes

Bleibt nur noch, auf die hervorragende Doku Why we Fight hinzuweisen, die gestern Nacht im WDR lief. Höchst sehenswert, falls das mal wieder irgendwo wiederholt wird, unbedingt ansehen. Voller tiefgründiger Einsichten in die Mechanismen der neokonservativen Regierung unter Bush und dem wahrgewordenen Albtraum Eisenhowers. Der Film hat auch einen Preis beim diesjährigen Sundance bekommen. Vielleicht bin ich nächstes mal schneller und kündige das seltene Phänomen einer sehenswerten Fernsehsendung an, bevor sie gesendet wird, das würde vielleicht mehr bringen.

#18

Madness

Wednesday, 24. August 2005 - 1:16 Uhr In Alltag und Wahnsinn, Erklärbär | Eine Reaktion

The feminist agenda is not about equal rights for women. It is about a socialist, anti-family political movement that encourages women to leave their husbands, kill their children, practice witchcraft, destroy capitalism, and become lesbians.

– Pat Robertson, fundraising letter, 1992

Pat Robertson, der der Ansicht ist, die USA sollten Hugo Chávez, den demokratisch gewählten Präsidenten Venezuelas, durch ein Attentat töten. Er habe Venezuela zu einem Hort von Kommunisten und Islamischen Extremisten gemacht (96% der Bevölkerung von Venezuela sind Römisch-Katholisch) und stelle eine enorme Gefahr für die USA dar.

Pat Robertson, der meint, Christen litten heute in den USA unter schlimmerem als Juden im Dritten Reich:

Just like what Nazi Germany did to the Jews, so liberal America is now doing to the evangelical Christians. It’s no different. It is the same thing. It is happening all over again. It is the Democratic Congress, the liberal-based media and the homosexuals who want to destroy the Christians. Wholesale abuse and discrimination and the worst bigotry directed toward any group in America today. More terrible than anything suffered by any minority in history.
– Pat Robertson, interview with Molly Ivins, 1993

Pat Robertson, der vorschlug, christlich motivierten Mördern (jene, die meinen, die Stimme Gottes habe sie zu ihren Taten getrieben) Immunität vor weltlichen Gerichten zu gewähren. Der sagt, daß die Araber die Sklaverei nach Amerika gebracht hätten. Daß Weiße Stimmen bei Wahlen mehr Gewicht erhalten sollen. Daß Frauen sich Männern unterzuordnen haben. Der Mann, der in seiner Fernsehsendung mit seinem Publikum dafür betet, daß im obersten Gerichtshof der USA ein Platz für einen christlichen Richter frei wird, also einer der jetzigen Richter stirbt, da die Posten auf Lebenszeit vergeben werden.

Pat Robertson, ein paranoide, fundamentalistische und letzlich völlig alberne Witzfigur, der unglaublicherweise seit Jahrzehnten eine Stimme im öffentlichen und politischen Alltag der USA gewährt wird. Der ernst genommen wird. Der von nationalen Fernsehsendern eingeladen wird und der interviewt wird, als wären seine Ansichten völlig normal. Auch der Mordaufruf an Chávez wird nur kurzfristig Empörung hervorrufen, und anstatt Robertson zu schaden und ihn zu diskreditieren wird seine Äußerung von vielen als prinzipiell patriotisch und gar nicht so unvernünftig verstanden werden.

Und wie begegnet man den Hunderttausenden, die ihn vorbehaltlos unterstützen, den Millionen, die “endlich tut mal einer was für uns Christen” oder “endlich sagts mal einer” denken, wenn er auf ABC, CBS oder CNN auftaucht? Seit Jahren kultivieren die Amerikanischen Rechten und religiösen Hardliner ihre vermeintliche Opferrolle, ihre Unterdrückung durch die ach so liberalen Medien, die übermächtigen Gerichte und die atheistischen Wissenschaftler, und trotz wachsender Kritik, z.B. am Kreationismus, trauen sich nur die wenigsten Medienmenschen und Politiker, den dreisten Lügen und populistischen Anfeindungen der Ultrakonservativen mit etwas anderem als Feigheit und Indifferenz gegenüberzutreten. Was für ein politisches Klima, in dem die Demokraten sich nicht trauen, eine Opposition zu bilden, und in ihren vergeblichen Versuchen, den Konservativen Stimmen abzugraben, ihnen immer ähnlicher werden.

Ach, frustrierend. Ich meine, es ist so weit weg, eigentlich könnte es mir ruhig egal sein, aber diese Dinge sind so extrem daß sie auch auf dieser Seite des Atlantiks belastend und unangenehm sind. It’s gonna get worse before it gets better. Befürchte ich.

Links zu Videos von den wenigen Mutigen
Jon Stewart, noch ein Mutiger
Und noch die Quelle für die Robertson-Zitate

Politik. Hier. Hilfe.

#17

Colossal masses

Wednesday, 27. July 2005 - 21:10 Uhr In Alltag und Wahnsinn, Oh, me | 9 Reaktionen

Huch. Draußen vor meiner Tür steht einer der größten mobilen Kräne der Welt, ein (ich hab mich nicht ausreichend informiert) LTM 1500-8.1. LTM 1400 7.1. Ein 500 400 Tonnen-Kran mit einer Hubhöhe von 145m (145m!). Was der da macht? Einen anderen Kran zusammenbauen. Der macht dann irgendwas mit dem Kirchturm, neben dem er steht. Vermutlich zerlegen. Dann läutet das Mistding wenigstens nicht mehr. Kirchenglocken an sich stören mich ja eher nicht, es mutet irgendwie schön archaisch an, kann man ruhig mal machen. Diese besondere Kirche allerdings läutet, wenn sie läutet, 5 Minuten am Stück. 300 Sekunden. Die meisten Lieder im Radio werden nach spätestens 3:30 ausgeblendet weil sie dann nerven oder langweilig werden. Und die spielen nicht nur Glockenläuten. Nach ungefähr 2:30 ist man meistens schon völlig am Ende mit den Nerven, da mann während des Läutens keine anderen Tätigkeiten weiterführen kann, es ist schlicht zu laut. Man wartet und wartet und der Lärm hört einfach nicht auf. Naja. Inzwischen höre ich es die Hälfte der Zeit nicht mehr, sofern die Fenster zu sind. Um 12:00 und 18:00 kann man ja oft noch rechtzeitig durchs Zimmer hechten und die Fenster zuwerfen, um den ärgsten Lärm abzuhalten, aber morgens, ja, morgens. Bedauerlicherweise glockt dieses Gotteshaus zu ganz und gar unchristlichen Zeiten, z.B. jeden morgen um 7:30, nicht nur an Werktagen, sondern immer. Samstag und Sonntags läuft der in meiner glockengeschändeten Phantasie verantwortliche bucklige Glöckner sogar völlig amok und läutet zwischen 7:30 und 12:00 drei bis vier mal. Leider ist besagter Glöckner wohl nur eine Zeitmechanik und deswegen weiß sie nicht, daß Samstags in dieser Kirche morgens keine Veranstaltungen stattfinden, für die man mit Geläut werben könnte. Das Läuten erfüllt somit keinen anderen Zweck als die umliegenden Anwohner unsaft aus dem Schlaf zu hämmern.

Ich habe also eine eher schlechte Meinung von diesem Gebäude. Neulich aber lungerten (das wollte ich schon immer mal in einem protokollartigen Text verwenden, Spießigkeit deluxe) morgens drei wirklich beeindruckend betrunkene Menschen vor dieser Kirche herum und erbrachen ihr in großen Mengen eingenommenes Vodka-Vita Cola-Gemisch wiederholt über die Sandsteinstufen des Hauptportals. Das fand ich dann wieder blöd. Ich finde, wer nervt, verdient einiges, aber vollkotzen ist einfach fies. Jedenfalls ging ich dann irgendwann um 11:00 los, um irgendetwas zu erledigen, vermutlich Essen kaufen oder etwas ähnliches, und da lehnte einer der drei unten vor dem Haus an einem weißen Kleinwagen, der zweifelsohne nicht ihm gehörte. Er lehnte da und schlief. Im stehen. Als ich um eins wieder zurückkam, stand er da immer noch, wie in Stein gemeißelt, völlig unbeweglich, und schlief nach wie vor. Direkt vor ihm kreuzten Passanten, auf der anderen Seite des Kleinwagens donnerten Autos über das Kopfsteinpflaster, aber der junge Mann blieb unbeweglich. Einen Moment lang fragte ich mich, ob es möglich ist, im Stehen zu sterben, ohne umzufallen. Instant rigor mortis quasi. Vermutlich nicht. Jedenfalls schaute ich danach immer mal wieder aus dem Fenster um zu gucken, ob er noch da ist, wie man immer mal wieder rausgucken würde, wenn sich irgendwelche scheuen, niedlichen Tiere in den Garten verirren, und man sie nicht verscheuchen möchte. Nehme ich an. Ich hatte nie einen Garten in den sich niedliche Tiere hätten verirren können. Jedenfalls stand der Stehschläfer noch bis etwa halb drei da. Dann war er plötzlich weg. Und mit ihm ein Teil von mir.

Nein, natürlich nicht. Das sagen die nur in Filmen immer am Ende, wenn jemand geht.

Abgesehen davon: meine erste Abschlussprüfung liegt hinter mir. Amerikanistik, Kulturgeschichte, und ich kann mich gar nicht wirklich über die außerordentlich gute Note freuen, weil ich die Hochschulrankings gesehen habe und nun weiß, daß das Leipziger Amerikanistikinstitut ziemlich, nun ja, armselig sein soll. Hoffentlich liest das niemand von denen da, ich hab noch eine Prüfung nächste Woche. Irgendwie war es auch nicht so wirklich schwierig. Vielleicht stellen sich aber die anderen auch nur etwas ungeschickt an. Ich hatte vor der Prüfung etwas Zeit, mit der Beistitzerin zu plaudern, und sie fragte, ob ich zufällig auch den New Deal als Thema hätte, das hätten schon fünf Leute gemacht. Sowas verstehe ich nicht. Das ist eines der offensichtlichsten, banalsten Themen die man als Amerikanist nehmen kann, eines, das die Prüfer im schlaf beherrschen und von dem sie zu allem Überfluß vermutlich schon seit Jahren genervt sind. Ach, keine Ahnung, jetzt kann es mir ja sowieso egal sein.

Nächsten Donnerstag Literaturprüfung. Drückt mir die Daumen.

Let us go then, you and I,
When the evening is spread out against the sky
Like a patient etherised upon a table;
Let us go, through certain half-deserted streets,
The muttering retreats
Of restless nights in one-night cheap hotels
And sawdust restaurants with oyster-shells:
Streets that follow like a tedious argument
Of insidious intent
To lead you to an overwhelming question…
Oh, do not ask, ‘ What is it? ‘
Let us go and make our visit.

t.s. eliot - the love song of j. alfred prufrock

Ach, darüber habe ich gerade sehr sehr lachen müssen.

#15

Nazis zu Pflugscharen

Sunday, 01. May 2005 - 13:19 Uhr In Alltag und Wahnsinn | 2 Reaktionen

Es ist Erster Mai, Leipzig ist auf den Beinen. Ein Bißchen Ausnahmezustand, absurde Szenen. Überall Polizeihundertschaften, Wasserwerfer, Hundestaffeln, ein Kreisender Hubschrauber, berittene Polizei, und 30 Meter weiter sitzen Touristen aus England in der Innenstadt, essen Eis und bekommen nichts mit. Vor dem Bahnhof warten die 3 Parteien, daß etwas passiert, und es passiert natürlich seit Stunden nichts. Im Norden warten die Nazis, im Süden wartet der Rest der Stadt, dazwischen stehen die Polizisten und langweilen sich. Mittendrin eine gestrandete Straßenbahn, die nicht mehr weiterfahrenkann. Was einige Fahrgäste interessanterweise nicht daran hindert, in der Bahn zu warten daß die 1000 Demonstranten mal von den Schienen gehen und es irgendwann mal weitergeht.

Erster Mai in Leipzig

Erster Mai in Leipzig

Erster Mai in Leipzig

Erster Mai in Leipzig

Erster Mai in Leipzig

Erster Mai in Leipzig

Erster Mai in Leipzig

Further updates as events warrant.

Nachtrag 17:46

Nicht viel los, im Süden der Stadt ist statt Straßenkampf Volksfest angesagt. Darum den Rest des Nachmittags am Kanal verbracht. Im Moment ist wieder Lärm hier, Hubschrauber im Tiefflug, Geschrei über Megaphon und Sirenen, aber solange das nicht direkt um die Ecke ist, bleibe ich erstmal zuhause. Ich wohne 20 Meter neben der geplanten Marschstrecke der Nazis, aber ich bezweifle, daß die auch nur hier in die Nähe kommen. Vielleicht ergeben sich noch Fotogelegenheiten. Ansonsten warten alle, und niemand weiß worauf eigentlich.

Nachtrag 23:02

Gerade noch Nachrichten gesehen, scheinbar war am Bahnhof doch noch einiges los. Allerdings so viel, daß es vermutlich besser war nicht dagewesen zu sein.