#80

Deeskalationsspäße

Friday, 12. September 2008 - 11:02 Uhr In Alltag und Wahnsinn | 2 Reaktionen

Neulich war in der Schanze wieder mal Randale, jede Menge Linke bzw. einfach schwarz angezogene Leute kamen, um ihrem Hobby zu frönen und Dinge kaputtzumachen. Und andere Leute mit Sachen zu bewerfen, was sich ja nun wirklich in den seltensten Fällen gehört.

Wir waren auf dem Weg nach St. Pauli und standen ein wenig herum und lauschten den Polizeidurchsagen, die teilweise recht unterhaltsam waren in ihrer müden Indifferenz.

Bitte unterlassen Sie das Bewerfen der Ordnungskräfte

Manche waren auch unfreiwillig lustig, allerdings nur, weil wir von unserer Position aus deren Wahrheitsgehalt nicht einschätzen konnten.

Wir bitten alle Unbeteiligen, das Gebiet zu verlassen, Sie werden von gewaltbereiten Gruppen als menschliche Schutzschilde missbraucht

Besser wurde es, als sich Behördendeutsch in die Ansagen mischte.

Bleiben Sie zurück. Wir werden nicht zögern, wie vorhin schon Wasser abzugeben

Irgendwie klingt das nett. Und da kam mir eine Idee.

Diese Ansagen müssten von einem Schweizer gesprochen werden. Mit diesem langgezogenen, nonchalant-gelangweilten Tonfall, und mit ganz viel ch.

Halloooo, chönnen Sie das bitte lassen, wir beschmeissen Sie schließlich auch nicht, oder?

Chönnen Sie mal bitte alle dort hinüber gehen, Sie stehen hier etwas ungünstig.

Unterlassen Sie bitte das Umwerfen der Velos und Töfflis, das gehört sich wirklich nicht.

Nunja, ab da kristallisierte sich ein Konzept heraus, eine Doktrin, neue rules of engagement, quasi. Können Absurdität und Humor aggressive und humorlose Menschen davon abhalten, ihre Umgebung mit Pflastersteinen zu bewerfen? Sollte die ohnehin recht gut gepanzerte Bereitschaftspolizei auf Flaschenhagel nicht mit einer Salve Stofftiere reagieren? Am Besten aus diesen Druckluft-T-Shirt-Kanonen, wie man sie aus Amerikanischen Sportstadien kennt? Und sollten die Polizisten, wenn sie Arm in Arm Absperrketten bilden, nicht “Guantanamera” und andere Klassiker revolutionären Liedgutes schmettern? Am Besten leicht schunkelnd? Möglichst noch mit Mitgliedern des Polizeichores im Hintergrund, die das Ganze mit professionellen “bom bom bom bom”-Bass unterlegen?

Ein Versuch wäre es wert. Die allgemeine Verwunderung wäre phantastisch.

#77

Befreiphone

Wednesday, 10. September 2008 - 9:45 Uhr In Alltag und Wahnsinn | Comments Off

Macnotes hat einen SEO-Wettbewerb mit einem simlock-freien iPhone als Hauptgewinn gestartet, und es sieht so aus, als ob Supertopic beim Ringen um das Befreiphone ziemlich gut abschneiden wird.

#74

In a One Horse Town

Monday, 09. June 2008 - 9:14 Uhr In Alltag und Wahnsinn, Musik | 3 Reaktionen

Überraschung, liebe RSS-Abonnenten (alle drei). Heute geht es um Musik, genau wie letztes Mal, vor fast einem Jahr. Ich schäme mich so. Jetzt aber los.

Habe das Wochenende damit verbracht, woanders zu sein, nämlich in Bralitz und Berlin und dazwischen, on the road, wenn man so will. Das möchte ich vorab schonmal empfehlen: altes Auto, Freunde rein, Musik rein, Fenster runter, los. Kann eigentlich nicht schiefgehen, besonders wenn die Sonne tief steht.

Wir fahren Schlandstrasse

Nun zur Musik, die da lief, in diesem Volvo. Das war eine Doppel-CD compilation mit 39 Songs namens David Shrigley’s Worried Noodles. Ich weiß nicht genau, wer dieser Herr Shrigley ist, aber er kennt wohl viele Musiker. Jedenfalls sind da ganz hervorragende Sachen drauf, manche wohl auch exklusiv. Alte Bekannte, über die man sich freuen kann (Final Fantasy, Deerhoof, Grizzly Bear, Max Tundra) und neue Bands und Leute, über die man sich dann auch freut, weil auch toll. Leider war die Tracklist nicht im Volvo dabei, aber ich habe schonmal rekonstruiert dass ich One von Christopher Francis (influences: Frank Sinatra, Missy Elliott) mochte. One ist irgendwie nacheinander und teilweise gleichzeitig albern, melancholisch, lustig und whoa, düster. Außerdem: crooning. Das geht ja gut los. Herr Francis macht aber auch noch richtig spassige Sachen, z.B. alleine mit Kontrabass aktuelle Hip Hop-Songs covern. Irgendwie erinnert er mich trotz weitestgehend fehlender Gemeinsamkeiten ein wenig an Max Tundra, über den ich eigentlich auch nochmal etwas schreiben wollte.

Jedenfalls werde ich jetzt erstmal dieses Album bestellen, um rauszufinden, von wem der ganze andere tolle Kram war. Und in dem dazugehörigen Buch blättern, um mehr über David Shrigley zu erfahren.

Happy backlit people

In a one horse town
There’s just one horse

#59

Wir nennen es Wohnzimmer

Monday, 11. December 2006 - 18:44 Uhr In Alltag und Wahnsinn, Gestalten, Oh, me | Eine Reaktion

Wir haben heute mal diese digitale Bohéme auf die Spitze getrieben und in einem Café gearbeitet. Also nicht kellnern, sondern was man halt sonst so zum Geldverdienen macht, nur eben im Café. War gut, kann ich empfehlen. Programmieren könnte ich da nicht, aber zum Schreiben von Mails und Dokumentationen reicht es. Es gibt W-Lan, Pfefferminztee aus richtigen Pfefferminzzweigen (doppel-Z! 20 Punkte!), ein schlunziges Sofa, Hintergrundjazz und eine an der Decke hängende Weihnachtstanne. Auf dem Fußboden war schließlich kein Platz mehr. Nach der Arbeit dann noch etwas rumgehangen und Spiegel gelesen, wo mir wieder einmal gesagt wurde, dass Absolventen geisteswissenschaftlicher Fächer in der freien Wirtschaft sowieso völlig verloren haben und nur halb soviel verdienen wie Ingenieure.

Und da sitze ich auf diesem Sofa, bei angenehmer Musik, mit Tee, einem warmen Notebook auf dem Schoß und schaue mir Bilder von gut verdienenden Automobilingenieuren an, wie sie durch kühle Fabrikhallen huschen und scheu hinter Monitoren hervorlugen. Und eigentlich ist das alles ganz schön in Ordnung so.

Sehr seriös

#54

All things go

Sunday, 08. October 2006 - 15:42 Uhr In Alltag und Wahnsinn, Erklärbär, Medien | 3 Reaktionen

Zeit, wir sollten mal mehr von Dir miteinander verbingen. Du bist immer so schnell weg. Zeitgefühlsmäßig bin ich noch im Mai. Das ist erstens falsch und zweitens besorgniserregend; sowas kann doch nicht gesund sein. Nicht, dass ich so unfaßbar viel zu tun gehabt hätte dass die Zeit nur so an mir vorbeigesaust wäre, nein, sie vergeht einfach unverschämt schnell, ob ich was in ihr mache oder nicht. Sowas nährt den Gedanken, man könne doch am Ende jedes Tages kurz notieren, was man so getan hat. Auch potentiell albern, weil entweder sehr deprimierend, Gedächtnislücken aufzeigend oder dazu prädestiniert, wie all die anderen Dinge, die ich mir vornehme regelmäßig zu machen, dreimal gemacht und dann auf ewig vergessen zu werden.

Heute mit Katinka über den Leipziger Südfriedhof gelaufen. Jener ist, falls man es nicht weiß, ein Parkfriedhof. Kann Spuren von Eichhörnchen enthalten und ist außerdem angenehmer als so ein Standardfriedhof, weil man immer nur ca. 20 Gräber auf einmal sieht. Überall stehen eichbehörnte Bäume (jaja), alles ist verwinkelt, unordentlich und überraschend nett. Dazwischen steht ein ausgesprochen schönes Krematorium, eine Feststellung, die man auch nicht oft im Leben macht. “Du, ich hab heute ein echt schönes Krematorium gesehen.” Nein, kam noch nicht vor.

Gräber gibt es auch, verschiedester Art. Urnengräber, normale Gräber, Krypten, Familiengräber, Monumentgräber und Werbegräber. Auch die. Man muss ja die trauernden Verwandten über ihre eigenen Endlagerungsmöglichkeiten aufklären. Deswegen am Wegesrand: eine Reihe leerer Gräber, mit leeren Grabsteinen, opulent bepflanzt, davor kleine weiße Schilder mit Kontaktdaten des Steinmetzes und des Grabschmückers, dazu noch Steinsorte und eine Liste der lateinischen Namen der verwendeten Planzen. Trotz großer Auswahl mussten wir leider feststellen: alle häßlich. Muss man nicht drunterliegen.

Außerdem: Monumentgräber. Bin mir nicht sicher, ob die so heißen, sie sind es jedenfalls. Da liegen dann ganze Generationen, und neben allen Männern steht ihr Beruf. Neben den Frauen steht nichts. So war das wohl früher. Höhepunkt der Männerzentriertheit: ein Familiengrab mit der Aufschrift “Familie Curt Irgendwas”. Da weiß man nicht mal, wieviele da liegen. Diese Berufslisten sind aber recht spannend. Eine Familie bestand nur aus Buchhändlern und Marineoffizieren, über Generationen hinweg. Macht man heute auch nicht mehr.

Wo ich eigentlich mit dieser ganzen Sache hinwill ist hier: die Kokosinseln. Dort nämlich starb einer der Menschen, deren Grabstein wir heute durchlasen. “Arzt der Emden” stand unter dem Namen, was kurz für Verwirrung sorgte, “aus” dürfte doch wesentlich angebrachter sein, oder wenigstens “der Emdener”. Aber da stand ja noch ein Anker neben dem Grab, und als Todesort wurden eben jene Inseln angegeben, da lag es nahe zu vermuten, dass die Emden ein Schiff sei.

Also nach Hause, Wikipedia bemüht, fasziniert gewesen, wieder was gelernt, diesmal über Kolonialkriege. Was letztlich davon bleiben wird ist das wirklich vollkommen unnütze Wissen davon, dass ein Matrose einer anderen “Emden” von einem Löwen gefressen wurde. Und die Todesursache des Arztes? Australier.

Mein Kopf ist voll mit solchem Kram. Vielleicht, und hier kommt das sehnlichst erwartete rekursive Element, habe ich in den letzten Monaten einfach zuviel bei Wikipedia herumgestöbert. Es macht schon ziemlich süchtig, zumindest kurzfristig. Nur noch ein Link. Och, bitte.