Zeit, wir sollten mal mehr von Dir miteinander verbingen. Du bist immer so schnell weg. Zeitgefühlsmäßig bin ich noch im Mai. Das ist erstens falsch und zweitens besorgniserregend; sowas kann doch nicht gesund sein. Nicht, dass ich so unfaßbar viel zu tun gehabt hätte dass die Zeit nur so an mir vorbeigesaust wäre, nein, sie vergeht einfach unverschämt schnell, ob ich was in ihr mache oder nicht. Sowas nährt den Gedanken, man könne doch am Ende jedes Tages kurz notieren, was man so getan hat. Auch potentiell albern, weil entweder sehr deprimierend, Gedächtnislücken aufzeigend oder dazu prädestiniert, wie all die anderen Dinge, die ich mir vornehme regelmäßig zu machen, dreimal gemacht und dann auf ewig vergessen zu werden.

Heute mit Katinka über den Leipziger Südfriedhof gelaufen. Jener ist, falls man es nicht weiß, ein Parkfriedhof. Kann Spuren von Eichhörnchen enthalten und ist außerdem angenehmer als so ein Standardfriedhof, weil man immer nur ca. 20 Gräber auf einmal sieht. Überall stehen eichbehörnte Bäume (jaja), alles ist verwinkelt, unordentlich und überraschend nett. Dazwischen steht ein ausgesprochen schönes Krematorium, eine Feststellung, die man auch nicht oft im Leben macht. “Du, ich hab heute ein echt schönes Krematorium gesehen.” Nein, kam noch nicht vor.

Gräber gibt es auch, verschiedester Art. Urnengräber, normale Gräber, Krypten, Familiengräber, Monumentgräber und Werbegräber. Auch die. Man muss ja die trauernden Verwandten über ihre eigenen Endlagerungsmöglichkeiten aufklären. Deswegen am Wegesrand: eine Reihe leerer Gräber, mit leeren Grabsteinen, opulent bepflanzt, davor kleine weiße Schilder mit Kontaktdaten des Steinmetzes und des Grabschmückers, dazu noch Steinsorte und eine Liste der lateinischen Namen der verwendeten Planzen. Trotz großer Auswahl mussten wir leider feststellen: alle häßlich. Muss man nicht drunterliegen.

Außerdem: Monumentgräber. Bin mir nicht sicher, ob die so heißen, sie sind es jedenfalls. Da liegen dann ganze Generationen, und neben allen Männern steht ihr Beruf. Neben den Frauen steht nichts. So war das wohl früher. Höhepunkt der Männerzentriertheit: ein Familiengrab mit der Aufschrift “Familie Curt Irgendwas”. Da weiß man nicht mal, wieviele da liegen. Diese Berufslisten sind aber recht spannend. Eine Familie bestand nur aus Buchhändlern und Marineoffizieren, über Generationen hinweg. Macht man heute auch nicht mehr.

Wo ich eigentlich mit dieser ganzen Sache hinwill ist hier: die Kokosinseln. Dort nämlich starb einer der Menschen, deren Grabstein wir heute durchlasen. “Arzt der Emden” stand unter dem Namen, was kurz für Verwirrung sorgte, “aus” dürfte doch wesentlich angebrachter sein, oder wenigstens “der Emdener”. Aber da stand ja noch ein Anker neben dem Grab, und als Todesort wurden eben jene Inseln angegeben, da lag es nahe zu vermuten, dass die Emden ein Schiff sei.

Also nach Hause, Wikipedia bemüht, fasziniert gewesen, wieder was gelernt, diesmal über Kolonialkriege. Was letztlich davon bleiben wird ist das wirklich vollkommen unnütze Wissen davon, dass ein Matrose einer anderen “Emden” von einem Löwen gefressen wurde. Und die Todesursache des Arztes? Australier.

Mein Kopf ist voll mit solchem Kram. Vielleicht, und hier kommt das sehnlichst erwartete rekursive Element, habe ich in den letzten Monaten einfach zuviel bei Wikipedia herumgestöbert. Es macht schon ziemlich süchtig, zumindest kurzfristig. Nur noch ein Link. Och, bitte.

3 Reaktionen auf “All things go”

 
  1. Sven meinte

    Vielleicht sehen wir uns ja mal beim Bummel mit ner Tüte Haselnüssen in der Linken.

  2. Rakäte meinte

    Schau an, was du so alles findest.
    Japanische Eichhörnchen sind mordsgefährlich und schreien so laut wie Raben, wenn man sich ihnen nähert. Dafür fliegen sie schön! …ja ich weiß, Eichhörnchen können nicht fliegen. Aber drunterzustehen, wenn sie es tun, ist trotzdem cool.

  3. Malte meinte

    “hinweis für allergiker: dieser friedhof wurde mit maschinen hergestellt, mit denen auch erdhörnchenhaltige produkte hergestellt werden.”

    spuren von eichhörnchen: famos, wunderbar!