Ich bin ja durchaus ein Fan der Postapokalypse als Kontext popkultureller und sonstiger Unterhaltung. Mich fasziniert es, wenn es um Gesellschaften geht, die nicht mehr selber produzieren können, sondern nur noch verbrauchen, was von vor der Katastrophe übrig ist. Feine Prämisse, denke ich immer wieder. Selbstredend natürlich auch sehr unpraktisch, leben würde ich in sowas eher ungern. Auf eine sehr spezifische Art und Weise mache ich aber etwas ziemlich Ähnliches.

Folgendes. Die DDR ist ja, wie eine knappe Mehrheit der hier lebenden bemerkt zu haben scheint, Geschichte, und mit ihr sind auch die Firmen und Produkte dieser Nation allmählich verschwunden. Die Trabis sind größtenteils weg, die letzten ORWO Komplettsets für das Entwickeln von Kleinbildfilmen haben ihr Verfallsdatum überschritten, die Foron-Herde werden auch nur noch von einer Studentenwohngemeinschaft zur nächsten weiterverschenkt und insgesamt gibt es von dem ganzen Kram tendenziell immer weniger. Erschwerend kommt hinzu, daß die meisten wirklich interessanten Überbleibsel von damals ja nicht Herde oder Ähnliches, sondern Luxusgüter sind, die ohnehin eher rar waren. Naja, und die Qualität vieler DDR-Geräte war ja auch eher so hmm.

So, und nun warum das Ganze: in den vergangenen Jahrzehnten sind weltweit ja doch recht viele besitzenswerte technische Geräte hergestellt worden, die auch heute noch besitzenswert wären. So ein Vox AC30 ist ein feiner Verstärker, auch nach vierzig Jahren, und ein Nikkormat aus den Siebzigern ist auch heute noch eine gute Kamera. Japanische Fendergitarren aus den Achtzigern sind selbstverständlich auch heute noch brauchbar, und auch banalere Dinge wie dreißig Jahre alte Bose-Boxen verlieren nicht notwendigerweise an Nützlichkeit. Nur gibt es so etwas hier nicht. Es gab vor den Neunzigern im Osten kaum Luxusgüter, es gab eher wenig Bands, deren Instrumente und Gerätschaften heute den Gebrauchtmarkt mit Nützlichem füllen konnten, der Hi-Fi-Wahn der Siebziger hat auch eher nicht stattgefunden, und der Mittelschicht-Familienvater, der sich für den Italienurlaub eine Spiegelreflexkamera gekauft hat, dürfte hier auch seltener vorgekommen sein, von der ein oder anderen Praktika mal abgesehen. Die unverwüstlichen, wertvollen, erhaltens- und vererbenswerten Geräte, die man einfach nicht wegwirft, niemals nicht, die fehlen hier. Es gab sie nie wirklich und es gibt sie heute nicht. Die An- und Verkaufsläden des Ostens quillen über vor damals hastig importiertem post-Wende-Billigzeug aus Fernost, klapperigen Plastikkomsumgütern recht niedriger Schublade das dann doch eher niemand braucht. Natürlich gibt es noch schöne und gute Dinge aus der DDR, Möbel und Ähnliches, aber im Gebrauchtmarkt sind die ganzen klassischen Konsumgüter nur in ihren häßlichen Neunziger-Varianten vorhanden, wenn überhaupt.

Manchmal ist es, als wäre hier vor der Wende nichts gewesen. Es mag materialistisch klingen, aber ich finde, Produkte und Marken vermitteln genauso kulturelle Identität wie Medien oder Kunst im Allgemeinen. Braun, Krups, Bose, Leitz, Uhu, Spezi, BMW, Pelican, Tempo, Grundig und viele mehr waren während meiner Kindheit und Jugend irgendwie von Relevanz, und ich wäre vermutlich auch recht irritiert, wenn nicht nur alle diese Firmen, sondern auch alle ihre Produkte plötzlich aus meinem Alltag verschwunden wären. Ich hab Ostalgiefans (Hasswort) immer so ein bisschen schief von der Seite angeguckt, mit ihren Ampelmännchenlampen in der Küche, der Club Cola und dem Rotkäppchensekt, aber vielleicht geht es ohne solche Fixpunkte manchmal einfach nicht.

Aber nochmal zurück zum Markt, darum ging es ja ursprünglich. Gebrauchte Produkte sind für mich öfters mal wichtig, entweder weil ich mir die neuen nicht leisten kann oder möchte, oder weil das alte Zeug einfach meinen Bedürfnissen entspricht. Meistens Ersteres. Heute war ich zusammen mit Martin den halben Tag unterwegs, um eine Bassbox oder eine Combo für den Proberaum zu kaufen. Ein klassisches Gebrauchtprodukt also, etwas, das normalerweise immer wieder weiterverkauft wird und eher selten komplett aus dem Warenkreislauf ausscheidet. In ganz Leipzig haben wir vier gebrauchte Bassboxen gefunden, alle verhältnismäßig neu. Und das war erstaunlich viel. Gebrauchte Gitarrenverstärker gab es nur zwei, gebrauchte Instrumente scheinbar gar nicht. Da stimmt doch was nicht. Meine erste Gitarre habe ich aus einem Abzockerladen (gibt es eigentlich gute (also moralisch gute) Gitarrenhändler?) in einer Rotlichtgegend in Frankfurt am Main, der Typ alleine hatte etwa 150 gebrauchte Gitarren und dutzende Verstärker, viele über zwanzig Jahre alt. Hier hingegen ist kein Markt, kein Angebot und scheinbar auch keine Nachfrage.

Hypothetische Konsequenz, mal auf den Bereich Musik bezogen: hohe finanzielle Einstiegshürden und ewige Ebbe im Gebrauchtmarkt. Man will ein kostenintensives Hobby, meinentwegen das Gitarrespielen, anfangen und ist quasi gezwungen, sich teure Neuware zuzulegen, was gerade bei Anfängern eher unwahrscheinlich ist, oder man kauft billigen Krempel, der es zwar tut, den aber später, nach Resignation oder bei mit dem Aufrüsten der Technik verbundenem finanziellem Erfolg, niemand mehr haben möchte. Die hoffnungsvollen und notorisch klammen zukünftigen Gitarrenhelden kaufen sich anstatt robuster Gebrauchtware oder teurer Neuware lieber das billige Einsteigerset mit Sperrholzgitarre, Knarzverstärker und unbequemem Gurt für 150,- und geben dann irgendwann frustriert auf. Und die Schrottgitarre kauft dem armen Kerl dann auch niemand mehr ab. So stelle ich mir die Ursachen für die lokale Musikszene vor. Aber ich könnte mich auch irren. Überhaupt bin ich mir nicht sicher, was das alles eigentlich sollte, aber irgendwie kam es mir relevant vor.

Zum Glück gibt es ja noch Ebay.

6 Reaktionen auf “Hier ist nichts mehr”

 
  1. Kriesse meinte

    Auch, wenn Deine Einleitung und Deine Gedankensprünge meinen Intellekt überfordern: Ich lese ein positives Fazit heraus. Schließlich wird es ob Deines Qualitätsmarkenwahns* darin enden, dass Du Dir eine erstklassige Musikmachausrüstung zulegst. Und im Zeitalter der technischen (wenn nicht digitalen) Konkurrenzfähigkeit wird Eure Band einsam auf dem Olymp des ostdeutschen Garagenelektropunkpops Lieder von güldenen Schallplatten singen.

    *Espy akzeptiert weder Bastelmesser noch Vorratsdosen, Turnschuhe oder gar Elektrogeräte und Designbücher von Nonames. Es muss mindestens ein seit 20-200 Jahren etablierter, schillernder und wiederverkaufswertsteigernder Markenname daruaf prangen.

  2. shorty meinte

    gesundheit! :D

  3. koni meinte

    Espy hat was geschrieben, ruft Kriesse aus dem Nebenzimmer. Tatkräftig möchte ich mich in Form eines Kommentars für deine Kommentare auf meiner Seite bedanken. Das Problem ist nur, dass meine erste Assoziation zu deinem postmodernen Eintrag dein Markenwahn ist und das hat Kriesse da oben schon geschrieben. Bevor Du jetzt verzweifelt ob deines unglaublichen Images in dein Tempo schnäuzt, lass dir gesagt sein, dass mir dein Markendurst noch nicht so aufgefallen ist, sondern nur mit Kriesses Bastelmessergeschichte so schon metaphorisiert wird.
    Espy, näh doch einfach mal einen Rock, den kann ich kommentieren!

  4. Espy meinte

    Argh, diese Bastelmessergeschichte wird mich noch bis ins Grab verfolgen. Dabei hat das gar nichts mit Markenwahn zu tun: in Amerika und demzufolge auch an der Schule auf der ich mein Abitur gemacht habe ist “Exacto-Knife” zwar eine Marke, aber auch als allgemeine Bezeichnung für ein Cuttermesser verwendbar. In etwa so wie man hier Tempotaschentuch oder Prittstift sagt, selbst wenn das Taschentuch eigentlich “Solo Talent” und der Prittstift “Barofix Stick” heißt. Und als ich mir neulich aufgrund meines stumpfen und unbequemen Cuttermessers frustriert ein neues wünschte, so eines mit Metallgriff, kam mir eben als erstes der Begriff “Exacto-Knife” in den Sinn, die sehen nämlich so aus. Von welcher Marke die sind ist mir eigentlich egal, es ging nur um den stabileren und angenehmeren Metallgriff. So. Fertig.

  5. Käte meinte

    Ich muss hier mal auf Bourdieus Lebensstilthese und später Baudrillards System der Dinge verweisen. Roland Barthes kleiner Essay über die Déesse passt auch sehr gut. Tut mir leid, ich kann nicht anders.Wenn es oder die Marke keinen Bezug zu unserem Lebensstil gäbe, würden wir die Dinge auch nicht kaufen.
    Noch was: es scheint in Leipzig wirklich keinen Gebrauchtwarenmarkt für sperrige Musikinstrumente zu geben. Das mag an fehlender Szene liegen. Oder an fehlender (erfundener) Markentradition.
    Zu guter letzt: was sind denn eigentlich “klassische” Konsumgüter der DDR, die nicht sofort nostalgisiert werden können? So. Rhetorik zu Ende. Frohes Neues!
    Dein Konsumforscher von nebenan…;)

  6. bas meinte

    das ist, glaube ich, das erste mal, das jemand in einem kommentar zu einem blog-eintrag roland barthes’ “mythen des alltags” erwähnt. sehr gut! viva cultural studies!