Oha, wieder ein beedruckendes Testament der Primitivität und des generellen Elends im Fernsehen gestern. Red Nose Day. Eine Benefizgala, an sich ja nicht schlecht sowas, ein importiertes Format zwar, aber das scheint ja unumgänglich inzwischen. Importierte Formate haben einen riesigen Vorteil für hiesige Fernsehsender: sie kaufen nur ein Sendungskonzept, in diesem Fall den Red Nose Day, bemannen dieses dann mit der an den Sender vertraglich gefesselten F-Prominenz und der unvermeidbaren Sendereigenen Comedianlegion, woraufhin das Elend dann seinen Lauf nehmen kann.
Es entstehen also Medienevents. Völlig synthetische Ereignisse, die eigentlich kein Mensch braucht und die allenfalls mäßig unterhaltsam sind, in der Vorlaufzeit aber so intensiv beworben, beteasert und betrailert werden, daß suggeriert wird, das Verpassen dieses Ereignisses sei eine unvorstellbare Ignoranz gegenüber eines ganz großen Programmhighlights. Pro 7 zeichnet sich durch besonders perfides Generieren von Medienevents aus, was nicht zuletzt an Stefan Raab liegt: man denke an die TV-Total Wok WM I, II und III, an TV-Total Turmspringen, TV-Total Springreiten, den TV-Total Song contest und vermutlich noch einige andere. Daneben noch stundenlanges Langweilen bei RTLs Domino Day et al. Und jeder dieser Events produziert sendbares Material en masse: nich nur die Sendung selbst, sondern auch eben diverse Trailer, Teaser, Cross-Promotion Aktionen mit anderen Sendungen (besonders dem Boulevard), Vorberichterstattungen, Nachberichterstattungen sowie die weitere Verwurstung des Materials in Nachrichten-, Frühstücks- und Boulevardsendungen. Man hält sich an die alte Fernsehjournalistenweisheit: “Tell them what you are going to tell them, tell them, and then tell them what you’ve just told them.” Womit sich die Schnittpunkte zwischen Privatfernsehen und Journalismus auch schon erschöpft haben dürften. Aus der Cross-Promotion, also dem Bewerben einer Sendung innerhalb einer anderen, ergeben sich weitere Vorteile: waren früher Boulevard- und Nachrichtenshows wie ein Fenster zur Welt, so zeigen sie heute immer mehr nur das Geschehen innerhalb der Senderfamilie: was hat dieser Soapdasteller am Wochenende gemacht, wer hat sich in welcher Talkshow danebenbenommen, wer ist bei der Pro 7-Gala in einem geschmacklosen Kleid aufgetaucht, wer hat bei der Castingshow versagt, was ist heute im jeweiligen Internierungslager (z.B. Dschungelcamp) los usw. usf. Geradezu inzestuöse Selbstreferenzierung allerorten, die gestern Abend in kaum erträglicher Demenz und Armseligkeit gipfelte.
Red Nose Day also. Während bei der Parallelveranstaltung in England David Bowie und U2 das Studio rockten, versuchten sich die G-Klasse Comedians von Pro 7 an einer Verquickung von den Simpsons und der an sich schon eher verpassenswerten Improshow Schillerstraße, was in einer bemitleidenswert unlustigen Darbietung endete, die gerechterweise auch kaum mit Gelächter oder Applaus bedacht wurde. Wer die vierstündige Sendung durchhielt, bekam zur Strafe neben vier verschwendeten, quälend langweiligen Stunden auch noch Sonya [sic] Kraus’ Brüste zu sehen, als ranziges Sahnehäubchen eines desolaten Fernsehabends.
Anfangs versuchte man noch, die Zuschauer mit Humor zu vom Umschalten abzuhalten, was wohl fehlschlug, und zur Entblößung von Oliver Pochers Gesäß führte. Als auch das nur kurzfristig Linderung verschaffte, fing wohl irgendwer in der Regie an, “Titten! Wir brauchen Titten!” in die Headsets der Verantwortlichen zu brüllen, denn man weiß ja, mit nackten Frauen kann man über so manch konzeptionelles und inhaltliches Defizit vorzüglich hinwegtäuschen. Sonya, sich für kaum etwas zu schade, tat es natürlich für die notleidenden Kinder, für die ja nebenher noch gesammelt wurde, und das war es wohl, was die Sendung vor dem Quotengau rettete: nicht die Brüste, die Rippen. Der hungernden Kinder. Während man in England über Unterhaltung zu Spendengeldern kommt, kommt man in Deutschland mit dem schlechten Gewissen der Zuschauer zur Quote. Es war ja für einen guten Zweck. Na dann.
Das Abmeldeformular für die GEZ fülle ich dann gleich nach dem Abendessen aus. Mich kriegt ihr nicht.

am Tuesday, 15. March 2005 - 17:37 Uhr:
du meldest dich nicht ab. das glaub ich dir nicht. aber hey, super sieht das hier aus!
am Saturday, 19. March 2005 - 15:01 Uhr:
das hat man nun davon, wenn man so tolle uris wie bookmarkt. da bekommt man gar nicht mit, dass du heimlich, still und leise eine neue version gebaut hast. ich trottel, ich. ist schön geworden, wirklich.
am Thursday, 24. March 2005 - 13:19 Uhr:
hallo espy,
hier ist es wirklich schön. die fotos oben drüber sind ganz toll. das will ich auch haben. will auch erwachsen und nicht pink sein. hihi.
du hast aus deinem rednose-abend das beste gemacht, indem du einen lustigen bericht geschrieben hast. die medialen hintergründe verstehe ich zwar nicht, aber deshalb widme ich mich ja auch der emotionalen seite des lebens in meinem block.
grüße, cony
am Monday, 25. April 2005 - 18:42 Uhr:
Schöner Artikel, wenn man das so nennen darf … hat mich mal wieder dran erinnert, wie guts mir ohne Fernseher geht. Nur zu empfehlen, ist immer wieder spannend, was man täglich von andern zu hören bekommt und Gott sei dank nicht sehen muß.
am Tuesday, 26. April 2005 - 5:06 Uhr:
ich moechte sagen, dass ich zum ersten mal froh bin, mein heim in die fcc-regierte fernsehlandschaft verlegt zu haben. sonya kraus’ tatas fehlen mir naemlich mitnichten. doch gern wuerde ich hoeren, wie es dir in der heimat geht. ich schaue gelegentlich ganz ans ende meiner inbox - deine letzte mail kam ja im juli 2004, obwohl doch da der account noch nicht mal existierte (hmmm…war bestimmt auch die fcc.). doch ach, keine nachrichten.
ich kehre jetzt zurueck zu meiner hausarbeit ueber martha stewart; danach ist der zweite teil der magister-these dran. dreissig seiten, eine woche - in sorglosen l.e.-zeiten war da die frage “kann das was werden?”; jetzt ist es “das wird, denn wer braucht mehr als drei stunden schlaf die woche?” am 4. mai ist alles gut. und bis dahin troeste ich mich mit der gewissheit, dass der breite ozean mich wenigstens vor ein paar produkten des satans zu bewahren vermag. dazu zaehle ich alle pro-sieben- und rtl2-shows und leberwurst.
viel spass auf der magisterarbeit letzten seiten. keep auch du the faith und lass mich an deinem schicksal teilhaben. und natuerlich auch von mir: feine seite. aber wo sind die fotos?
und noch ein kommentar zur fcc: ich wuerde es begruessen, wenn die behoerden ihre rechtsgerichteten finger von spongebob squarepants liessen. wer auch nur einmal die marching-band-folge gesehen hat, in der patrick glaubt, dass sowohl mayonnaise als auch senf musikinstrumente sind, der wuerde nieniemals wieder einen gedanken an ein tv-verbot dieser goettlichen sendung verschwenden. spongebob macht klug und froh.